Präsenz beginnt im Körper

Wir können vieles über uns verstehen. Doch was verändert sich, wenn wir auch ernst nehmen, was wir körperlich längst wahrnehmen?

Wir wissen erstaunlich viel über uns

Vielleicht kennst Du diesen Moment: Du merkst, dass Du eigentlich eine Pause brauchst, arbeitest aber noch weiter. Du sagst einen Termin zu, obwohl Du spürst, dass Deine Kraft gerade an einer anderen Stelle gebraucht wird. Oder Du weißt ziemlich genau, was jetzt vernünftig wäre – und nimmst gleichzeitig wahr, dass Dein Körper längst signalisiert: Dafür habe ich gerade keine Kapazität.

Und dann ist da irgendwann dieser Gedanke: Ich weiß das doch eigentlich längst.

Du weißt, dass Du Pausen brauchst. Du hast verstanden, dass Du nicht jede Verantwortung übernehmen musst. Du kennst Deine Muster und kannst vielleicht ziemlich genau erklären, warum Du in bestimmten Situationen so reagierst, wie Du reagierst. Vielleicht hast Du viel gelesen, reflektiert, gelernt und bereits einiges über Dich verstanden.

Dieses Wissen ist wertvoll. Ich würde es nie kleinreden.

Ich komme selbst aus einer Welt, in der genaues Denken, Unterscheiden und Verstehen einen hohen Wert haben. Und ich arbeite heute häufig mit Menschen, die darin ausgesprochen gut sind: Menschen, die komplexe Zusammenhänge schnell erfassen, Verantwortung tragen, differenziert denken und gewohnt sind, Lösungen zu finden.

Umso interessanter finde ich die Frage: Warum folgt aus unserem Wissen manchmal so erstaunlich wenig?

Vielleicht, weil nicht jede Information für uns dasselbe Gewicht besitzt.

Da ist der Gedanke: Ich muss das heute noch fertig machen. Da ist die Verantwortung für das Team, das Unternehmen, die Familie, den nächsten Termin. Und gleichzeitig ist da vielleicht schon seit Stunden dieser Zug im Rücken. Die zunehmende Unruhe. Der Atem, der kaum noch Raum bekommt. Die Müdigkeit, die Du durchaus bemerkst.

Beides ist da. Und trotzdem gewinnt erstaunlich oft die Information, die uns weitermachen lässt.

Das ist eine Beobachtung, die mich in meiner Arbeit immer wieder beschäftigt: Wir wissen körperlich häufig mehr über unseren momentanen Zustand, als unser Handeln vermuten lässt. Wir nehmen durchaus wahr. Aber wir haben gelernt, bestimmten Informationen mehr Bedeutung zu geben als anderen.

Zwischen „Ich weiß das“ und „Ich nehme es ernst genug, um es in mein Handeln einzubeziehen“ liegt manchmal ein erstaunlich großer Raum.

Eine Erkenntnis ist noch keine fertige Verkörperung.

Verstehen und verkörpern sind nicht dasselbe

Verkörperung beginnt für mich dort, wo Wissen und Wahrnehmung miteinander in Beziehung treten. Und das funktioniert in beide Richtungen. Etwas, das Du gedanklich längst verstanden hast, kann nach und nach auch in Deinem Verhalten, Deiner Bewegung und Deinem Umgang mit Dir selbst erfahrbar werden. Und etwas, das Dein Körper längst wahrnimmt, kann zunehmend Eingang in Dein Denken und Deine Entscheidungen finden.

Nehmen wir eine Grenze: Du kannst sehr genau wissen, dass Du nicht immer Ja sagen musst. Du kannst verstanden haben, welche Situationen Dich trotzdem dazu bringen, Verantwortung zu übernehmen. Und es macht einen Unterschied, ob Du erst am Abend feststellst: Das war heute wieder zu viel – oder ob Du bereits während eines Gesprächs bemerkst, dass Dein Atem flacher wird, Dein Kiefer fester, Deine Aufmerksamkeit enger oder Dein ganzer Körper unruhiger wird.

Diese Wahrnehmungen schreiben Dir keine Entscheidung vor. Sie geben Dir Information.

Neben der Frage, was Dein Gegenüber braucht, welche Argumente für eine Entscheidung sprechen und was organisatorisch machbar ist, taucht damit eine weitere Frage auf:

Wie bin ich selbst gerade in dieser Situation da?

Genau dort wird Körperwahrnehmung für mich interessant. Plötzlich steht mehr von Dir für Deine Entscheidung zur Verfügung.

Was Lesen mit Körperarbeit zu tun hat

Hannanda am Laptop denkend

Ich habe viele Jahre Sprache, Texte und Kulturen erforscht. Dabei lernt man vor allem eines: genau hinzusehen.

Ein einzelnes Wort bekommt seine Bedeutung nicht unabhängig von dem Satz, in dem es steht. Ein Satz steht in einem größeren Text. Ein Text entsteht in einer bestimmten Zeit, einer Kultur, einer Situation. Unterschiede können bedeutsam sein. Widersprüche auch. Und wer zu schnell interpretiert, sieht manchmal vor allem das, was er ohnehin schon erwartet hat.

Diese Art des Hinschauens ist in meiner heutigen Arbeit noch immer da.

Ich lese Körper, Atem und Bewegung heute so, wie ich früher Texte und Kulturen gelesen habe: präzise, aufmerksam, neugierig und mit Respekt.

Dabei geht es nicht nur darum, was ich von außen beobachten kann. Mich interessiert ebenso, was ein Mensch selbst wahrnimmt:

  • Wie beschreibt er das, was ihn beschäftigt? 
  • Wo erlebt er Spannung, Schmerz oder Einschränkung? 
  • Was geschieht in seinem Atem oder seiner Bewegung? 
  • Wann verändert sich etwas? 
  • In welchen Situationen wird es deutlicher – und wann tritt es in den Hintergrund?

So entsteht nach und nach ein Zusammenhang zwischen meiner Beobachtung und der Wahrnehmung des Menschen, mit dem ich arbeite.

Ich möchte einem Körper keine fertige Bedeutung überstülpen. Ich möchte verstehen, wie dieser Mensch in seinem Körper lebt und was sich zeigt, wenn wir genauer hinschauen.

Bedeutung entsteht im Zusammenhang.

Präsenz heißt, Dich selbst nicht aus dem Bild zu verlieren

Um Zusammenhänge überhaupt wahrnehmen zu können, braucht es Präsenz. Das Wort klingt manchmal nach einem besonderen Zustand, den wir erst herstellen müssten: vollkommen gesammelt, ruhig, konzentriert und ganz im Moment. Aber für mich ist Präsenz wesentlich alltagstauglicher.

Du kannst präsent sein und gleichzeitig denken. Du kannst planen, analysieren, entscheiden, sprechen, führen, unterrichten oder ein Unternehmen leiten. Präsenz bedeutet dabei, dass Du Dich selbst während all dessen nicht vollständig aus dem Bild verlierst.

Wie sitzt Du gerade in diesem Gespräch? Wie stehst Du vor einer Gruppe? Merkst Du, dass Du den Atem anhältst, während Du auf eine Antwort wartest? Spürst Du noch den Boden unter Deinen Füßen, wenn eine Diskussion anspruchsvoll wird? Bemerkst Du während eines langen Arbeitstages den Moment, in dem Deine Konzentration nachlässt, Dein Rücken immer deutlicher wird oder Du innerlich längst eine Pause brauchst?

Das sind zunächst Beobachtungen.

Ein schneller Puls ist ein schneller Puls. Ein fester Nacken kann viele Gründe haben. Interessant wird die Wahrnehmung dort, wo Du beginnst, Veränderungen und Zusammenhänge zu erkennen: Wann taucht das auf? Was geschieht gerade? Kenne ich das von mir? Was brauche ich jetzt – und was entscheide ich?

Präsenz bedeutet für mich deshalb: vollständiger wahrzunehmen, wie Du gerade in einer Situation da bist.

Wo bist Du gerade in diesem Moment?

Bevor Du weiterliest, nimm Dich für einen Augenblick einmal selbst wahr – auf Deinem Platz und in dem Raum, in dem Du Dich gerade befindest.

Dann bemerke, wo Dein Körper Kontakt hat. Vielleicht stehen Deine Füße auf dem Boden. Vielleicht spürst Du die Fläche, auf der Du sitzt, eine Lehne im Rücken oder Deine Hände irgendwo aufliegen.

Nimm anschließend Deinen Atem wahr, ohne ihn tiefer, ruhiger oder anders machen zu wollen.

Und schließlich: Welcher Bereich Deines Körpers macht sich gerade von selbst deutlicher bemerkbar als andere?

Du musst daraus noch nichts machen.

Für diesen Moment reicht es, wahrzunehmen, was ohnehin da ist.

Der Körper erweitert das Bild

Wenn wir Entscheidungen treffen, Beziehungen gestalten und Verantwortung übernehmen, bringen wir unseren Körper ohnehin mit: Wir stehen irgendwo. Wir atmen. Wir bewegen uns. Wir reagieren auf Räume und Menschen. Spannung verändert sich, Aufmerksamkeit wandert, Kraft ist verfügbar oder lässt nach.

Hanna Budig mit den Händen am Becken in der NaturDie entscheidende Frage ist deshalb für mich nicht nur, ob diese Informationen zugänglich sind. Sondern auch: Welchen Stellenwert geben wir ihnen?

Wir sind es gewohnt, Verantwortung für vieles zu übernehmen. Für Aufgaben, Projekte, Mitarbeiter, Studierende, Klienten, Kinder, Eltern, Termine und Verpflichtungen. Die Verantwortung für den eigenen Körper rutscht dabei erstaunlich leicht nach hinten. Dabei ist er der Ort, von dem aus wir all diese Verantwortung überhaupt leben. Wie wir mit unserer Kraft umgehen, wann wir Grenzen bemerken, wie lange wir über Müdigkeit, Spannung oder Schmerzen hinweggehen und welchen Raum wir unserem eigenen Wohlbefinden geben, ist deshalb keine Nebensache. Körperliche Wahrnehmung ernst zu nehmen heißt auch, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Für mich beginnt hier Körperintelligenz: den eigenen Körper in Wahrnehmung und Entscheidungen einzubeziehen, ihm Aufmerksamkeit und Gewicht zu geben – und genauer verstehen zu lernen, was das, was wir wahrnehmen, in einer konkreten Situation für uns bedeutet.

Das geht weiter als ein schlichtes „Hör auf Deinen Körper“.

Denn ein Körpersignal ist noch keine fertige Antwort.

Interessant wird es dort, wo wir Unterschiede erkennen, Zusammenhänge verstehen und unsere Wahrnehmung so ernst nehmen, dass sie tatsächlich Teil unserer Entscheidungen werden kann.

Was ich unter Körperintelligenz genau verstehe und warum es dabei um weit mehr geht als darum, Körpersignalen einfach zu folgen, liest Du in meinem Grundlagenartikel „Körperintelligenz: Den eigenen Körper wieder mit ins Bild nehmen“. → Hier weiterlesen

Wenn aus Erkenntnis Erfahrung wird

Verkörperung ist kein Endzustand, den wir irgendwann erreichen und dann besitzen. Manche Erkenntnisse begegnen uns viele Male. Wir verstehen eine Grenze zunächst gedanklich. Später bemerken wir vielleicht früher, wie sie sich in einer konkreten Situation ankündigt. Irgendwann entsteht zwischen Wahrnehmung und gewohntem Handeln ein wenig mehr Raum.

Wir entscheiden anders.

Oder wir entscheiden genauso wie früher – diesmal aber bewusst und mit einem klareren Gefühl dafür, was diese Entscheidung von uns verlangt.

Körperarbeit interessiert mich deshalb als Möglichkeit, unser Wissen tiefer mit der Art zu verbinden, wie wir tatsächlich leben. Eine Erkenntnis bleibt dann nicht nur etwas, das wir über uns sagen können. Sie wird in einem konkreten Moment verfügbar und kann unser Handeln verändern:

  • Vielleicht bleibst Du stehen, wo Du sonst weitergemacht hättest.
  • Vielleicht bemerkst Du früher, dass Dein Rücken Aufmerksamkeit braucht.
  • Vielleicht erkennst Du an Deinem Atem, wie viel Spannung Du gerade hältst.
  • Oder Du stellst fest, dass Du schon wieder Ja sagen möchtest, obwohl in Dir längst ein deutliches Zögern spürbar ist.

Mit der Zeit verstehst Du genauer, wie Dein Körper reagiert, was Dir Kraft gibt, was Dich viel kostet und woran Du bemerkst, dass Du beginnst, Dich selbst zu übergehen.

Genau dort setzt auch meine Arbeit im 1:1 Körpermentoring an.

Wir schauen gemeinsam darauf, was Dein Körper bereits zeigt: in Haltung und Bewegung, in Spannung, Atemmustern, Schmerzen oder anderen körperlichen Wahrnehmungen – und ebenso darauf, wie Du selbst diese Erfahrungen beschreibst und in welchen Situationen sie auftauchen.

Über Atem, Bewegung, gezielte Übungen und genaue Wahrnehmung erforschen wir, was Dir Ausgleich gibt, wo neue Möglichkeiten entstehen und wie Du die Signale Deines Körpers im Alltag früher erkennen und sinnvoll einbeziehen kannst.

Meine Aufgabe ist dabei auch eine übersetzende: gemeinsam mit Dir Zusammenhänge sichtbar zu machen, ohne Deinem Körper vorschnell eine Geschichte überzustülpen. Damit aus Wahrnehmung Orientierung entstehen kann – und daraus ein Umgang mit Dir selbst, der Dich klarer darin werden lässt, was Du brauchst und wie Du für Dich entscheiden möchtest.

Manchmal brauchen wir nicht noch eine weitere Erkenntnis.

Manchmal braucht eine Erkenntnis die Gelegenheit, Erfahrung zu werden.

Und genau dafür braucht es manchmal einen Raum.

Dr. Dr. Hanna Budig

Mentorin für Körperintelligenz

Ich begleite Menschen, die viel Verantwortung tragen, dabei, ihren Körper wieder als verlässliche Quelle für Orientierung, Präsenz und Selbstführung zu nutzen.

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Hanna Budig im Profil mit Händen auf den Schultern

KÖRPER­INTELLIGENZ: Den eigenen Körper wieder mit ins Bild nehmen

Warum körperliche Information mehr Gewicht verdient – und was das mit Selbstführung zu tun hat.

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