Du atmest längst unterschiedlich
Du musst noch nie einen Breathwork-Kurs besucht haben, um zu wissen, dass Dein Atem nicht immer gleich ist. Nach einer Treppe fühlt er sich anders an als morgens im Bett, in einem konzentrierten Gespräch anders als beim Spaziergang. Vielleicht kennst Du auch diese Momente, in denen Du nach einer langen Phase am Bildschirm plötzlich merkst, wie klein Dein Atem geworden ist – oder nach einem tiefen Seufzer erst wahrnimmst, wie viel Spannung vorher da war.
Der Atem begleitet unseren Zustand nicht gleichförmig im Hintergrund. Er verändert sich mit dem, was wir tun und erleben, und passt sich fortwährend an körperliche und innere Anforderungen an. Meist geschieht das selbstverständlich, ohne dass wir darüber nachdenken müssen.
Gerade darin liegt aber etwas Besonderes: Der Atem geschieht von selbst – und gleichzeitig können wir bewusst Einfluss auf ihn nehmen.
Der Atem reagiert auf Dich – und Du kannst auf ihn reagieren
Während Du diesen Satz liest, kannst Du Deinen nächsten Atemzug etwas langsamer werden lassen. Du kannst kleiner oder größer atmen, der Ausatmung mehr Zeit geben oder zunächst einfach nur beobachten, was ohnehin geschieht. Damit entsteht ein besonderer Erfahrungsraum: Der Atem reagiert auf Deinen körperlichen Zustand, und zugleich kannst Du ihn verändern und unmittelbar wahrnehmen, wie Dein Körper darauf antwortet.
Genau hier beginnt für mich Breathwork. Der Begriff umfasst ein breites Feld bewusster Atemarbeit – von ruhiger Atembeobachtung und rhythmischem Atmen bis zu deutlich aktiveren Formen, verbundenem Atmen oder längeren Atemreisen. Bekannte Ansätze wie die Wim-Hof-Methode, Holotropes Atmen oder Conscious Connected Breathing setzen dabei teilweise sehr unterschiedliche Rahmen, teilen aber auch physiologische Grundprinzipien. Gerade bei intensiveren Formen liegen unter verschiedenen Namen oft ähnliche Atemmuster zugrunde, etwa schnelleres, tieferes oder verbundenes Atmen.
Das macht den Markt nicht automatisch unseriös, aber es lohnt sich, bei großen Versprechen über „Transformation“, „Heilung“ oder eine vermeintlich einzigartige Technik genauer hinzuschauen. Für mich ist entscheidender, was mit dem Atem tatsächlich verändert wird, wie der Körper darauf reagiert und in welchem Rahmen diese Erfahrung stattfindet. Breathwork ist deshalb für mich weniger eine Sammlung spektakulärer Methoden als ein Zugang zu Körperwahrnehmung und Regulation. Denn denau dort verbindet sich Atemarbeit mit Körperintelligenz: Wir bekommen über den Atem keine fertige Antwort darauf, wie es uns geht. Aber wir erhalten Informationen, können etwas verändern und erleben, was diese Veränderung mit uns macht.
Was ich unter Körperintelligenz im größeren Sinn verstehe, beschreibe ich im Grundlagenartikel „Körperintelligenz: Den eigenen Körper wieder mit ins Bild nehmen“. → Hier weiterlesen
Breathwork bedeutet nicht einfach, tief zu atmen
Gerade am Anfang liegt die Vorstellung nahe: Wenn Atmen gut ist, müsste tiefer Atmen eigentlich noch besser sein. Vielleicht kennst Du auch Sätze wie: Atme einmal ganz tief ein und flute Deinen Körper mit Sauerstoff. Physiologisch ist das allerdings nur bedingt sinnvoll. Bei einem gesunden Menschen in Ruhe ist das Blut bereits weitgehend mit Sauerstoff gesättigt. Mehr oder tiefer zu atmen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass der Körper dadurch einfach „mehr Sauerstoff“ bekommt.
Spannender wird es, wenn wir den Blick auf das Zusammenspiel der Atemgase richten. Denn für die Wirkung einer Atemweise macht es einen Unterschied, wie häufig und wie groß wir atmen. Wenn wir deutlich mehr Luft bewegen, als der Körper in diesem Moment benötigt, atmen wir vermehrt Kohlendioxid ab. Der CO₂-Gehalt im Blut sinkt, und damit verändert sich auch die Körperchemie.
Vielleicht kennst Du eine sehr deutliche Form davon aus einer Hyperventilation: Kribbeln in Händen oder Gesicht, Schwindel oder unter stärkeren Bedingungen auch krampfartige Muskelreaktionen. Solche Empfindungen entstehen nicht deshalb, weil plötzlich besonders viel Sauerstoff im Körper angekommen ist, sondern hängen wesentlich damit zusammen, dass durch das starke Atmen zu viel Kohlendioxid abgegeben wurde.
Genau mit solchen physiologischen Veränderungen arbeiten manche intensiveren Breathwork-Formen bewusst. Schnelleres, größeres oder verbundenes Atmen kann den körperlichen Zustand deutlich verändern und intensive Wahrnehmungen hervorrufen. Das macht diese Atemweisen weder besser noch schlechter – aber es zeigt sehr anschaulich, warum Atemrhythmus, Atemgröße und Dosierung einen Unterschied machen und warum „tiefer atmen“ keine allgemeingültige Empfehlung sein kann.
Für gute Atemarbeit wird damit eine andere Frage interessant:
Was verändert diese Atemweise tatsächlich in Dir?
Damit wird Breathwork vom Atem-Hack zu einer Form von Körperforschung.
Was verändert sich, wenn Du Deinen Atem ein wenig veränderst?
Mach es Dir für einen Moment bequem und lass Deinen Atem zunächst so, wie er gerade ist. Nimm für einige Atemzüge wahr, wie er kommt und geht, ohne etwas daran zu verbessern.
Dann lass ihn für sechs bis acht Atemzüge etwas ruhiger und langsamer werden. Atme dabei nicht extra groß ein. Wenn es sich angenehm anfühlt, darf die Ausatmung ein wenig mehr Zeit bekommen, ohne dass Du sie hinausdrückst. Danach überlässt Du Deinen Atem wieder ganz sich selbst.
Bleib noch einen Moment sitzen und spür nach: Was hat sich verändert? Vielleicht ist etwas ruhiger geworden, vielleicht klarer, vielleicht bemerkst Du kaum einen Unterschied. Entscheidend ist nicht, ob die Übung „funktioniert“ hat, sondern ob die Veränderung für Deinen jetzigen Zustand hilfreich war.
Wenn eine Atemveränderung unangenehm wird, kehr einfach zu Deinem natürlichen Atem zurück. Gute Atemarbeit braucht keinen Kampf gegen den eigenen Atem.
Regulation bedeutet nicht immer, ruhiger zu werden
Vielleicht hat die kleine Atemerfahrung Dich gerade beruhigt. Das wäre eine mögliche Wirkung, aber nicht automatisch das Ziel jeder Atemarbeit. Denn wir brauchen im Leben nicht immer denselben Zustand. Manchmal ist Ruhe hilfreich, manchmal Wachheit, Klarheit oder mehr Energie. Regulation bedeutet deshalb für mich nicht, den Körper möglichst oft herunterzufahren, sondern angemessen auf unterschiedliche Anforderungen reagieren und zwischen Zuständen wechseln zu können.
Genau deshalb ist es hilfreich, etwas darüber zu wissen, wie Atemarbeit wirkt und welche Atemqualität welchen Zustand unterstützen kann. Dieses Wissen gibt Dir keine starre Anleitung, sondern mehr Auswahl: Du kannst eine Atemweise bewusster einsetzen, ihre Wirkung beobachten und mit der Zeit immer genauer unterscheiden, was Dir in einer bestimmten Situation dient.
Die eigene Reaktion gehört zur Methode
Eine Anleitung kann Dir einen Rahmen geben. Sie ersetzt jedoch nicht die Wahrnehmung dessen, was währenddessen in Dir geschieht. Atemtechniken arbeiten oft mit klaren Vorgaben – einer bestimmten Atemlänge, einem Rhythmus oder einer Abfolge. Solche Strukturen können hilfreich sein. Der andere Teil der Praxis bist aber immer Du: Wie fühlt sich die Atemweise für Dich an? Unterstützt sie den Zustand, den Du gerade brauchst? Möchtest Du kleiner, langsamer, aktiver oder freier atmen?
Für mich beginnt genau hier Atemkompetenz.
Für mich beginnt Atemkompetenz nicht mit einer Sammlung von Techniken, sondern mit der Fähigkeit zu unterscheiden.
Diese Fähigkeit lässt sich entwickeln. Mit Anleitung lernen wir zunächst vielleicht überhaupt erst, Unterschiede wahrzunehmen. Mit der Zeit entsteht daraus mehr Sicherheit darin, den eigenen Atem nicht nur auszuführen, sondern ihn als Teil der eigenen Körperwahrnehmung zu nutzen.
Intensität ist kein Qualitätsmerkmal
Breathwork kann sehr ruhig sein, aber auch deutlich intensiver werden. Manche Formen arbeiten über längere Zeit mit schnellerem oder größerem Atem und können die Körperempfindung und die Wahrnehmung des eigenen Körpers stark verändern. Gerade deshalb brauchen sie einen anderen Rahmen, eine bewusste Dosierung und gute Begleitung. Für intensive High-Ventilation-Formen ist gut belegt, dass sie unter anderem den CO₂-Gehalt deutlich verändern können; starke subjektive Erfahrungen sind damit real, aber Intensität allein sagt noch nichts darüber aus, wie sinnvoll oder hilfreich eine Erfahrung für einen Menschen ist.
In meiner Arbeit ist mir deshalb wichtig, dass mehr Intensität nicht automatisch mehr Tiefe bedeutet. Körperintelligenz zeigt sich auch darin, wahrnehmen und mitentscheiden zu können, welche Intensität gerade passend ist, wie weit ich mich auf eine Erfahrung einlassen möchte und was für mich in diesem Moment gut haltbar ist. Intensive Atemarbeit kann tief gehen – sie muss dafür aber nicht über die eigenen Grenzen führen.
Gerade wenn Du Breathwork neu kennenlernst, musst Du nichts Spektakuläres erleben. Den Atem wahrnehmen, eine kleine Veränderung ausprobieren und die eigene Reaktion beobachten kann bereits erstaunlich viel Information liefern – und manchmal auch Einsichten darüber, wie Du Spannung hältst, auf Aktivierung reagierst oder Dir selbst Raum gibst.
Atemarbeit, die Dir Raum lässt
Der Atem wird damit weder Orakel noch Diagnoseinstrument. Er ist eine Informationsquelle und zugleich eine Möglichkeit, Deinem Körper eine neue Erfahrung anzubieten. Je vertrauter Du damit wirst, desto besser kannst Du unterscheiden, was Dir gerade dient und wie Du mit Deinem Atem bewusst arbeiten möchtest.
Wenn Dich dieser forschende Zugang interessiert, vertiefe ich ihn im Grundlagenartikel „Den Körper erforschen: Wie aus Wahrnehmung Orientierung entsteht“. → Hier weiterlesen
Genau diese Atemkompetenz üben wir im BREATHE Kurs, der jeden ersten Donnerstagabend im Monat im Fusion Flow Club stattfindet. Dort geht es darum, den eigenen Atem wahrzunehmen, unterschiedliche Atemqualitäten kennenzulernen und ihre Wirkung auf den eigenen Zustand besser unterscheiden zu können. Der Kurs ist bewusst körpernah, erklärend und alltagstauglich aufgebaut.
Meine intensiveren BREATHE Journeys finden am dritten Donnerstagabend im Monat statt und öffnen einen anderen Erfahrungsraum. Aktive Atemphasen, Atempausen und die Möglichkeit intensiverer körperlicher oder innerer Erfahrungen brauchen mehr Vorbereitung, einen klar gehaltenen Rahmen und Zeit für Integration.
Wenn Du Breathwork bisher nur vom Hörensagen kennst, darf der Anfang deshalb sehr einfach sein: den eigenen Atem bemerken und neugierig werden auf das, was sich zeigt, wenn Du ihn bewusst einbeziehst. Vielleicht beginnt gute Atemarbeit genau dort – nicht mit dem Versuch, Deinen Atem sofort besser zu machen oder durch ihn „tiefe Transformation“ und „Heilung“ zu erleben, sondern mit der Fähigkeit, ihn immer besser zu verstehen und mit ihm für Dich zu arbeiten.